SPIEL MIT DEM LICHT

GRATWANDERUNG MIT DOMINIC MÜLLER

Es gibt vier Himmelsrichtungen.

Werden sie gespalten, kann ein Raum entstehen, in dem nur noch das Licht sie verbindet. Was aber ist, wenn dieser Raum gleichsam über der Erde sich öffnet? Entsteht dann das Schreckliche, das wir schön nennen?

Dominic Müller hat einen Stamm zweimal gespalten. Er hat ihn am Abgrund so nahe zueinander gesetzt, dass exakt auf 2000 Meter Höhe ein Spiel entsteht, das man das Lichtspiel der Einigung von allen vier Himmelsrichtungen nennen könnte.

Dieses Jahr sind es nicht Figuren auf dem Gipfel, sondern Gratwanderer-Figuren. Sie schweben auf schwerem grünen Gestein, leicht wie Elfen und närrisch wie Kinder und wie Tiere auf dem Grat des Morgen- und des Abendlichtes. Ein unheimlicher Bergschalk verspottet die Liebenden und ein Hasenfratz porträtiert den jungen Künstler, der allen Touristen und dem Betrieb von Kunst davonläuft, hoch hinaus auf das Niederhorn über Beatenberg. Alle Figuren weiden im Licht und jubeln sich aus der Tiefe des Sees weit unten hinauf ins Blaue und in die Weite der schwer erhabenen Bergwelt von Jungfrau, Mönch und Eiger.

Noch vor einem Jahr waren es Göttergestalten, den polynesischen Ahnenfiguren, den Tikis nahe. Sie starrten auf dem Gipfel des Gemmenalphorns ins Leere. Nun sind sie beieinander, zärtlicher und feiner, kecker und unanständiger. Sie wehren sich gegen den Zugriff. Sie stehen für sich und spielen mit dem Felsen und mit den letzten Föhren vor der Atemleere des Weltraums.

Wer, eine halbe Stunde von der Bergstation der Niederhornbahn, in Richtung Gemmenalphorn steigt, kommt nicht mehr dahin zurück, wovon er ausging. Er wird selber eine Gestalt, eine Art zurückhaltender Lichtgestalt. Dominic Müller hat sie im Anklang an Paulo Coelhos Manual do guerreiro da luz (1997) «Krieger des Lichts» genannt. Das Wort «Krieger» ist eine Fehlübersetzung der 2001 erschienen deutschen Fassung dieser spirituellen Texte. Denn der guerreiro ist im Sprachgebrauch Brasiliens schlicht der begeisterte Mensch, der seine Seele mit der Seele des Alls in einem konkreten und beharrlichen Kampf für das Gute verbindet und sich – vorsichtig und furchtlos - aus sich selbst heraus verschwendet.

Die «Begeisterten des Lichts» tanzen bis Ende November da oben in den Wolken. Sie sind nicht nur leichter zugänglich als die auf das Gemmenalphorn versetzten Göttergestalten von 2015 – sie ziehen nun gleichsam auch uns Blinde an, die wir erst durch die Kunst das Unmittelbare sehen lernen.

Auf einem Block stehen vier zierliche Figuren. Sie holen das unnachahmliche Wunder der Bergwelt ein. Das Wunder besteht in der Gleichzeitigkeit von Wucht und Zärtlichkeit. Das massive Gewicht der Erde offenbart sich im Gebirge und erschreckt den Blick. Die Finesse der immer kleiner wer-denden Flora bis hinauf zum Eis bildet dagegen ein kristallines Sammelsurium vom Feinsten und Leisesten, was es gibt.

Es gibt unendlich viele Himmelsrichtungen. Die Begeisterten des Lichts eröffnen neue Dimensionen des Sehens und der Trunkenheit, die wir «Kunst» nennen.

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