GIPFEL VON KUNST – DIE FRÜH GEGLÜCKTEN

DAS WERK VON DOMINIC MÜLLER AUF DEM GEMMENALPHORN

Noch im Tau der späten Nacht, Tritt für Tritt: der gewohnte Aufstieg zum Grat. Und wie immer erhaschten die Blicke beim Vorlicht des Morgens die äsenden Gemsen.

Und dann. Wie ein Blitz.

Der Schrecken der Kunst. Die Gestalten von Göttern. Die Verwandlung vom Berg in den heiligen Bezirk. Wächter des Lichts und Adoranten zugleich. Spielend himmlisch und irdisch noch im Fels.

Ich war nicht vorbereitet. Hörte etwas von einer Installation auf dem Berg. Aber das, was war das. Mein Gipfel war besetzt. Nicht von Tourismus und nicht von Geschäft und nur von wenigen Gemsen. Aber von Göttern aus Schönheit. Von Figuren des Lichts.

Der Künstler arbeitete noch an einer Fixierung. Er gab mir die Bilder von dem, was er aus sich und aus seinem Berg und aus dem Holz des Baumbestandes am Berg herausgehauen hatte.

Es ist notwendig, cirka eine und eine halbe Stunde von der Alp, der Chüematte über Beatenberg-Waldegg hochzugehen, um zum Gipfel zu kommen. Der junge Künstler hätte sein Werk drüben an der Niederhornbahn fixieren können. Für Käufer und für die japanischen und chinesischen und die deutschen und die französischen und die schweizerischen Gäste. Er hat die Figuren auf seinem Berg fixiert. Da wo er wohnt. Gewohnt als Künstler die Welt zu verwandeln.

Ich denke, dass dies das Kunstereignis der Schweiz in diesem Sommer ist. Noch fast unbekannt, aber stark, gewaltig und feinsinnig zerbrechlich und stolz und - über alle Maßen schön.

Rilke lebte öfters hier mit seiner Geliebten, der Mutter von Balthus, Baladine Klossowska. Es ist, als hätte er Teile der zweiten Elegie geschrieben, als er wie eine dieser Figuren das Licht von Beatenberg sah. Oder ist es umgekehrt? Dass der Künstler aus der Dynamik dieser Schau und dieser Wörter seine – wie er es nennt – „Gipfelkunst“ aus sich heraus schneidet?

Die Zeilen lauten:

„Frühe Geglückte, ihr Verwöhnten der Schöpfung,
Höhenzüge, morgenrötliche Grate
aller Erschaffung, - Pollen der blühenden Gottheit
Gelegenke des Lichtes, Gänge, Treppen, Throne,
Räume aus Wesen, Schilde aus Wonne, tumulte
stürmisch entzückten Gefühls und plötzlich, einzeln,
Spiegel: die die entsrömte eigene Schönheit
wiederschöpfen zurück in das eigene Antlitz“

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